Heute, am Samstag, soll es also losgehen!! Ausnahmsweise wird heute mal früh aufgestanden, alles Nötige zusammengepackt, und gegen 10 gings dann ab zum Bahnhof. Leider einen kleinen Tick zu spät. Die Ausschilderung zum Bus-Terminal mit den Überlandbussen (TimExpressen) war etwas irreführend, und so standen wir erst suchend bei den normalen Bushaltestellen, beschlossen dann doch, im Reisecenter nachzufragen, wo man (wie fast überall hier) erst mal eine Nummer ziehen muß, um dann einen recht langen und unübersichtlichen Weg zu dem Busterminal (das irgendwie am völlig anderen Ende des Bahnhofs war) zu marschieren.
Der angepeilte Bus war natürlich schon längst weg, und so gings halt erst eine Stunde später los :-/ Naja egal, es war trotzdem noch ok.
Busfahren macht müde. Vor allem nach einer Nacht, in der man wenig geschlafen hat *g*
Gegen Mittag kamen wir dann in Kongsberg an, wo wir erst mal uns zum Touristcenter durchfragten (die Frau sprach ein Schulbuch-Norwegisch und konnte tatsächlich den ziemlich verschnörkelten Weg zum Touristenbüro so beschreiben, daß wir es auf Anhieb fanden! :-D). Denn was wir brauchten, war hier zu finden: eine Karte! Und zwar eine gute, wo möglichst jeder Bach drauf eingezeichnet ist, Maßstab 1:25.000. War zwar nicht ganz billig, aber Sonntag abend waren wir uns völlig einig, daß es sich absolut gelohnt hatte, die Karte zu kaufen! :) Zumal sie vielleicht sogar nochmal zum Einsatz kommt, beim nächsten Besuch, den Judith bekommt ;-)
Nun denn - die Route war klar, und ab gings durch das schnuffige Städtchen Kongsberg, über einen Fluß, der Martin Skopal wohl sehr zum Kayakfahren animiert hätte, den Berg hinauf. Sehr steil, sehr warm (wieder mal Sonne pur), vorbei an vorbildlichen Schaf-, Kuh- und Pferdeweiden (letztere beide teilten sich eine Weide!), immer höher hinauf.
Wir komen an einer interessanten Felswand vorbei, wo nach alter Tradition (alt = mehrere Jahrhunderte) jeder König, der hier vorbeikommt, durch ein entsprechendes golden-farbiges Wappenbild auf dem Fels verewigt wird.
Dann wird es langsam weniger urban, die Straße wird zum Feldweg, und endlich verjüngt sich dieser zum eigentlichen Wanderweg, wie man es erwartet.
Die Kennzeichnungen der Wege sind übrigens vorbildlich. Wir hatten eigentlich nie wirkliche Probleme, den Weg zu finden.
Die Zeit zieht sich dahin, es geht durch lichte Wäldchen, über plätschernde Bäche, sumpfige Trampelpfade und glatte Steinflächen, die immer wieder durch den Boden brechen. Während des Weges kommen wir schon an einer ehemaligen Grube vorbei, wo irgendwann mal nach Silber geschürft wurde. Allerdings alles umzäunt und abgesperrt. Und nach ewig anmutender Zeit (Judith hält sich wacker, auch wenn sie irgendwann doch vehement eine Pause fordert *knuffel* ich wäre noch weiter bis zur angepeilten Silberhütte "Sachsen" gegangen, war aber über eine sofortige Pause nicht allzu bestürzt *grins*).
Dann endlich waren wir oben angelangt. Ziemlich fertig. *g* Auch ich. "Haus Sachsen" ist fast ein kleines Dorf. Verstreut stehen einige Gebäude herum, durch die Fenster kann man noch alles rumstehen sehen, als wäre die Grube fluchtartig verlassen worden. Eine alte Ruine lädt zum Draufrumkraxeln ein; wie wir später lesen, handelte es sich dabei allerdings um das Fundament zu einem nicht mehr vorhandenen Gebäude. Alles wird genau inspiziert. Und schließlich haben wir auch wieder genug Tatendrang aufgebaut, um weiterzugehen. Von hier aus gibt es zwei Möglichkeiten, den großen Rundkurs durch das ehemalige Silberabbaugebiet zu begehen, wir wählen den Weg entgegen dem Uhrzeigersinn. Trampelpfade durch Heidekraut, teilweise parallel zu überbretterten, aquäduktartigen Wasser-Leitungen, führen durch malerische Landschaften, die uns bis heute abend begleiten werden. Verkrüppelte, vom Wind verbogene Birken überall, und dann auch noch Schnee!! Mir schwant, daß es nachts hier immer noch recht kühl sein wird.
Am Wegesrand taucht dann und wann recht sonderbar anmutender Unrat auf ... Schubkarren zum Beispiel, oder eine große Trittleiter. Gedanken an ein "Schubkarren"-Friedhof lösen direkt zwei weltenbastlerische Ideenansätze in mir aus *grins* Mehr dazu wohl später mal in meinem Æýansmottír-Blog.
Ungläubig stellen wir mit jedem Landschaftsmerkmal, das wir passieren, anhand der Landkarte fest, dass wir uns wesentlich schneller fortbewegen als gedacht. Vermutlich verzerrte unser langer und beschwerlicher Aufstieg die Wahrnehmung für die Entfernungen, auf jeden Fall sind wir schon "halb den Rundkurs rum", ehe wir es uns versehen :-) Wir sind definitiv nicht unglücklich darüber, denn ich bemerke während der Strecke immer mehr, daß es ein ÄUSSERST ungünstiges Gelände zum Zelten ist... im Hinterkopf habe ich aber immer noch die Sachsen-Hütte, wo ich zumindest geeignete Rasen-Flächen gesehen habe.
Kurz vor dem "Höhepunkt" der Strecke, dem Jonsknuten mit 904m (Haus Sachsen liegt auf 585m), treibt uns bei einer Schutzhütte am Wegesrand die Neugierde einen Steinwall hoch, denn laut Karte soll dahinter ein See sein. Und tatsächlich, künstlich durch gewaltige Steinwälle gehalten, bot sich dahinter ein überaus malerisches Bild eines mittelgroßen Sees - es sollte nicht der letzte unserer Tour gewesen sein! :-D
Am See fällt dann auch die Entscheidung, den Gipfel Gipfel sein zu lassen und an seinem Fuß den See entlang die Abkürzung zu nehmen - eine weise Entscheidung, denn sonst wäre es tatsächlich gewaltig spät geworden heute, oder aber wir hätten ein wesentlich weniger lauschiges Plätzchen für unser Zelt gehabt.
Recht zügig gehts dann zur Knuttehytta, wo wir beide sehr erleichtert ob des Vorhandenseins von anständigen Toiletten sind. Danach noch durch eine kleine Rastpause entsprechend gestärkt, beschließen wir, den Rest der Strecke zurück zum Haus Sachsen kurzerhand anzuschließen, da immer noch wenig andere Möglichkeiten zum Zelten sichtbar waren. Während der Strecke taten mir schon massiv die Fußsohlen weh, später kommen auch noch die Knie und die Unterschenkel hinzu, während Judith vor allem mit Druckstellen in den Schuhen und einem schmerzenden Hüftgelenk zu kämpfen hat. Tapfer ging es aber weiter, durch eine Landschaft, die sich immer wieder in pitoresken Bildern übertrifft, so daß man gar nicht mehr weiß, was man noch alles fotografieren soll. Vor allem kleine verwinkelte Seen zwischen blankgeschliffenen Felsen tun es mir an. Die Seen hier sind übrigens fast alle künstlich als Wasserresservoires angelegt.
Mit letzter Kraft schleppen wir uns endlich bis zum Haus Sachsen, so gegen 17 Uhr sind wir da, nach 5 Stunden Wandern (mit nur kurzen Pausen) - Heureka! Und wehe, Judith erzählt mir nochmal was von "ich hab keine Kondition"!
Erschöpft, aber glücklich bauen wir einfach in unmittelbarer Nähe der Hütten unser Zelt auf. Das Jedermannsrecht in Norwegen besagt ja, daß man ausreichende Nähe zu bewohnten Gebäuden einhalten sollte - bewohnt waren diese hier ja definitiv nicht ;)
Zum Glück hatte Judith im Wanderführer eine fast unscheinbare Stelle bemerkt: es gibt einen voll funktionsfähigen Brunnen auf dem Gelände! Nach kurzer Suche werden wir bei einem kleinen Holzverschlag fündig: tatsächlich läuft hier einfach so ein nicht endender Strahl eiskalten Wassers aus einem kleinen Hahn! :-D
Deshalb könnne wir uns auch ohne weitere Probleme ans Essen machen: ich hatte mir zu diesem Zweck zwei Nudel-Fertiggerichte mitgebracht, die ausschließlich aufgekocht werden müssen. Nicht besonders gesund vermutlich, aber herrlich warm im Magen, natriumglutamat-würzig und hungerstillend :-D
Zu diesem Zweck wird auch mein Esbit-Kocher eingeweiht - im Zelt liegend, die Beine schon im Schlafsack, betrachten wir noch schmachtend den schönen Sonnenuntergang, während wir eifrig Nudeln mampfen, und später dann noch eine heiße Zitrone schlürfen ... das Leben könnte nicht schöner sein. Naja, doch, wenn man z.B. nicht Blasen an den Füßen hätte und die Gewissheit, morgen einen mörderischen Muskelkater zu haben ;-)
Auf dem Geländer (zum Glück recht weit weg) feiert übrigens noch eine Gruppe junger Männer eine Junggesellenparty ... die Stimmen drangen eigentlich nur selten zu uns rüber. Allerdings beunruhigte uns die Verwendung eines Megafons doch erheblich, doch unsere Sorgen waren unbegründet, es kehrte recht bald Ruhe auf dem Gelände ein. Während des Essens torkelt irgendwann einer der Herren zu unserem Zelt und amüsiert uns köstlich bei dem kläglichen Versuch, in einem ziemlich betrunkenen Zustand Small-Talk zu führen: eigentlich noch soweit bei Verstand, um zu merken, daß man betrunken ist, so daß es einem eigentlich peinlich ist, überhaupt eine Unterhaltung angefangen zu haben, und jetzt irgendwie verzweifelt versucht, wieder aus der Situation rauszukommen, ohne als völliger Idiot dazustehen (wobei es dafür ohnehin schon zu spät war *ggg*), das aber wegen ausreichender Trunkenheit nur sehr schwer gebacken bekommt... *kicher*
Gegen 10 Uhr (meine Güte, schon wieder drei Stunden rum?) schließen wir endlich unsere Äuglein, ich pumpe noch ein letztes Mal meine Isomatte auf (sie verliert ständig Luft), dann entschweben wir in die kalte norwegische Nacht ...